Zur Einführung in dieses Thema soll eine für die deutsche Presse typische Berichterstattung vom 27.Juli 2010 unter dem Titel "Auf Rentner warten Nullrunden" stehen.
Gemäss dem Motto "Die Rentengarantie ist sicher ein Unsinn" definiert Herr Brüderle folgende verein-fachende Formel:
"Sinkende Löhne gleich niedrigere Altersbezüge"
Dies ist, gemäss der 2003 eingeführte neuen Rentenanpassungsformel nicht unbedingt sinkenden Löhnen, sondern zum grössten Teil dem Riesterfaktor und dem Nachhaltigkeitsfaktor geschuldet. Andere, die Ausgabenseite der Rentenkasse besonders belastenden Faktoren werden unter den Teppich gekehrt.
Um die Rentenanpassungen zu verstehen, muss die aktuelle Rentenanpassungsformel (auch: "Rentenwert" genannt) betrachtet werden. Die Rentenformel ist zeitlich begrenzt und gilt bis zum Jahre 2013. Die Formel multipliziert den "Rentenwert des Vorjahres" mit der "Lohnkomponente", dem "Riesterfaktor" und dem "Nachhaltigkeitsfaktor".
Die "Lohnkomponente" berücksichtigt die Bruttolohnentwicklung der Arbeitnehmer vom Vorjahr und Vorvorjahr.
Der "Riesterfaktor" berücksichtigt die Beitragsleistung der Arbeitnehmer zur privaten Altersvorsorge (Riesterrente) und zur gesetzlichen Rente.
Der "Nachhaltigkeitsfaktor" berücksichtigt das zahlenmässige Verhältnis Rentner zu Arbeitnehmer.
Kritische Anmerkungen zur:
Lohnkomponente: In diesem vom statistischen Bundesamt errechnetem Wert gehen Bruttolöhne in voller Höhe ein! Dies ist falsch, weil durch die mitgezählten Gehaltskomponenten über der Beitragsbe-messungsgrenze das "Durchschnittgehalt aller AN in der BRD" zu hoch ausfällt. Dadurch werden den unter der Beitragsbemessungsgrenze verdienenten Arbeitnehmern bei der Entgeldpunkte-Berechnung zu geringe Entgeldpunkte gutgeschrieben. Dies trifft die Arbeitnehmer mit zu geringen Entgeldpunkten und zu geringen Rentenwertsteigerungen. Die Rentner trifft die zu geringen Rentenwertsteigerungen (sprich: Rentenerhöhungen).
Riesterfaktor: Die heutige Rentnergeneration konnte konnte ja keine staatlich unterstützte Privatrente (Riester) aufbauen, da es sie erst seit ein paar Jahren gibt. Deshalb ist der Riesterfaktor eine ungerechte Kürzung seiner Rentensteigerungen(Rentenwert). Die Arbeitnehmer sind durch diesen Faktor infolge stagnierender Rentenwerte ebenfalls betroffen.
Nachhaltigkeitsfaktor: Dier Berücksichtigung des zahlenmässigen Verhältnisses Rentner zu Beschäftigten könnte am ehesten eine gewisse Berechtigung zuerkannt werden. Wenngleich der älteren Rentnergeneration ein bevölkerungspolitisches Versäumnis nicht nachgesagt werden kann.
Eine interessante Frage stellt sich nun:
Wie entwickelte sich der "Durchschnittsverdienst aller AN in der BRD" in den letzten 10 Jahren und wie entwickelten sich daraus mögliche Rentenerhöhungen(anpassungen). Dieser Durchschnitts-verdienst ist deshalb so wichtig, weil mit ihm die persönlichen Entgeldpunkte des einzelen Arbeitnehmers berechnet werden.
Dies geht nach folgender Formel:
Persönl. Entgeldpunkte/Jahr EP =(persönl. Jahresbruttoeink./Durchschnittseink. all. AN (BRD))
Beispiel für 2009: persönl. Jahresbrutto 30879Euro; Durchschnittseink all. AN (BRD) 30879Euro; Rentenwert (aRW2009) 27,2 Euro .
EP = (30879/30879) = 1 ; Zuwachs Rente = EP * aRW = 1*27,2Euro = 27,2 Euro/Monat
Analyse der Diagramme aus obigem Link:
Diagramm1: Das "Durchschnittseinkommen all. AN (BRD)" ist eine von 4 Faktoren der Rentenan-passungsformel (blaue Kurve). Normalerweise müsste man davon ausgehen, daß die Steigerung des Rentenwertes (rote Kurve) dem Verlauf der blauen Kurve in etwa folgt. Stattdessen zeichnet sich der Rentenwert durch einen sprunghaften Verlauf aus. Dies ist auch mit der Rentenanpassungsformel nicht nachvollziehbar. Erklärt kann dies nur mit politischen Eingriffen in die Formel, indem je nach politischer Opportunität Faktoren teilweise ausser Kraft gesetzt werden, um sie später nachholen zu lassen . Siehe dazu die Kennlinie im Jahre 2008/09.
Bemerkenswert ist auch der Anstieg des "durchschnittlichen Bruttogehalts aller AN (BRD)" in den Krisen-jahren 2008/09. Spricht die Bundesregierung aufgrund von Lohnverlusten der AN in diesen Krisenjahren von einer eigentlich notwendigen Rentenkürzung, weisst der Durchschnitts-verdienst 2008/09 eine Steigerung auf!
Wie kommt dieser Widersrpuch zustande? Ganz einfach: Während die Normalverdiener (unter der BBGr) tatsächlich Netto-Lohnverluste (wg. Kurzarbeit) hinnehmen mussten, haben Spitzenverdiener trotzdem ihre Verdienste steigern können. Da diese Verdienste im Durchschnittsverdienst aller AN (BRD) mitgezählt werden, kommt es zu diesem Ergebnis. Eine glatte Fehlberechnung der Entgeldpunkte zu Lasten des normalverdienenden Arbeitnehmers ist die Folge !
Diagramm2: Hier wird sehr deutlich, daß die steigenden "Durchschnittseinkommen der AN (BRD)" seit 1999 nur noch abgeschwächt bei den Rentnern ankommen. Grund sind vor allem die den Anstieg dämpfenden Faktoren der Rentenanpassungsformel.
Diagramm3:Während vor der dt. Einheit Beitragsbemesssungsgrenze, Durchschnittseinkommen und Rentenwert in etwa den gleichen Kurvenverlauf aufweisen, driften diese ab 1990 auseinander. Damit weisen auch diese Faktoren die gleiche Scherenentwicklung auf wie etwa bei Gehälter und Vermögen verschiedener Bevölkerungsgruppen.
Diese Kurven lassen sich in ihrem Verlauf ab dem Jahre 1990 in einem Satz zusammenfassen.
>>> höhere Beiträge = niedrigere Rente <<<
Schlussfazit:
Die Arbeitnehmer sind von der Rentenentwicklung dreifach benachteiligt.
1.) Zum einen bekommen sie durch einen falsch berechneten "Durchschnittsverdienst aller AN (BRD)" zu wenig Entgeldpunkte berechnet!
2.) Zum anderen werden sie durch einen zu schwach ansteigenden Rentenwert(infolge vor allem der Riester und Nachhaltigkeitsfaktoren) benachteiligt.
3.) Infolge regelmässig angehobener Beitragsbemessungsgrenzen müssen auch Gutverdiener immer mehr Beiträge abführen.
Die Rentner werden vor allem über höhere Sozialbeiträge und unzureichenden Rentenanpassungen in ihrer Kaufkraft nachhaltig geschwächt.
Kommentar: Die grosse Belastung der Arbeitnehmer kann mit keinem Argument der jetzigen Rentner-generation angelastet werden. Dies haben ihre Beiträge lebenslang eingezahlt und sind auch ihrer bevölkerungspolitischen Pflicht nachgekommen, ohne die kein Umlagesystem funktionieren kann.
Die Fehler und Probleme im Rentensystem der BRD sind eindeutig der letzten Politiker-generation anzulasten. Denn diese kannten die Rentenprobleme bestens, und haben (aus unter-schiedlichen Gründen) die Probleme nicht angepackt. Dadurch wurde es versäumt, das Rentensystem zukunftssicher zu machen!
Wenn jetzt von der Politik versucht wird, "Alt" gegen "Jung" (Rentner gegen Arbeitnehmer) auszuspielen, ist es der "perfide" Versuch, von eigenen Versäumnissen abzulenken und eigene Privilegien zu sichern!
n.k.